Wie Menschen aufblühen und wachsen – Interview Positive Psychologie, Motivation und Resilienz

In der Natur suchen Tiere und Pflanzen instinktiv die Nähe von lebenspendenden Ressourcen wie Licht und Nahrung und vermeiden alles, was Leben tötet oder eine Bedrohung ist. Genauso ist es bei der Spezies Mensch: Wir blühen im Beisein des Positiven auf und verkümmern, wenn unsere Bedürfnisse ignoriert werden.

Diese Erkenntnis hilft uns dabei, bessere Entscheidungen im Umgang mit unseren Mitmenschen zu treffen. Egal ob als Elternteil, als Führungskraft, als Kollege oder als Mitarbeiter – wir alle können für mehr Licht und weniger Dunkelheit in unserem Umfeld sorgen. Wie kommen wir zu einer besseren Resilienz – gerade in stürmischen Zeiten? Welche konkreten Schritte können wir setzen, um unser volles Potential zu entfalten und aufzublühen? Wie bringt man Andere dazu, aus dem Schatten zu treten? Und wie sieht ein gelingendes Leben aus Sicht der Positiven Psychologie aus?

Positive Psychologie bedeutet, dass man nur oft und intensiv genug an etwas denken muss, damit es Realität wird?

Das wäre schön, ja. So nach dem Motto „Ich mache meine Augen zu, wünsche mir was und wenn ich die Augen wieder öffne, dann ist alles genau so, wie ich es mir erträumt habe“. Wäre schön, wenn´s so einfach wäre, grad wenn wir nach einem erfüllten Leben streben. Das funktioniert leider nicht. Das sorgt nur für Frustration. Bitte verstehen Sie mich richtig, ich finde positive Gedanken wichtig, nur die verklärte Bewegung des Positiven Denkens halte ich für verkehrt.

Sie trennen das also klar von diesem „New Age-Gedanken“, der ja eher esoterisch angehaucht ist und stützen sich auf die Wissenschaft. Seit Jahren wird weltweit zu dem Thema geforscht – es gibt sogar einen Studiengang dazu. Wie muss ich mir das genau vorstellen? Wo genau liegt der Unterschied zwischen Positivem Denken und Positiver Psychologie?

Es gab 2011 eine große Gallupstudie in den USA, da wurden 80.000 Menschen befragt, wie sie zum Beispiel zu der Aussage stehen „Menschen können sich in allem entwickeln, wenn sie nur wollen“. Das wäre so der Positiv-Denken-Ansatz: Ich kann alles erreichen, wenn ich es mir nur vorstellen kann. Das stimmt aber nicht. Menschen können sich eben nicht durch die Kraft der Vorstellung in allem entwickeln. Es gibt limitierende Faktoren. Talent zum Beispiel. Oder auch das Alter. Ich werde mit 30 kein Teeniestar mehr, auch wenn ich´s mir noch so vorstellen kann. Oder mit 50 kein Oberarzt mehr. Und das zu akzeptieren, halte ich für wichtig und auch für gesund.

Die Positive Psychologie ist die Wissenschaft des gelingenden Lebens und Arbeitens. Dazu gehört auch eine gute Resilienz und Motivation. Das klingt gut, aber bis heute beschäftigt sich die Psychologie oft nur mit der Bekämpfung von Krankheiten wie Depressionen, Schizophrenie oder Phobien, statt auf die Potenzialentfaltung der Menschen. Da liegt viel ungenutztes Potenzial, oder?

Die Positive Psychologie ergänzt die klinische Psychologie. Die klinische Psychologie, also die Lehre vom Leiden der Seele, beschäftigt sich mit der Frage „Wie bringe ich Menschen von -5 auf 0“. Die Positive Psychologie, also die Richtung, die das Wachstumspotenzial gesunder Menschen betont, beschäftigt sich mit der Frage „Wie bringe ich Menschen von 0 auf +5“. Fix what´s wrong and build what´s strong, also, bringe in Ordnung, was nicht so gut ist und baue aus, was bereits da ist.

Wie wichtig ist das richtige Mindset?

Das Mindset ist schon entscheidend. Ein Mindset ist ja ein Gedankenmuster, wie wir die Welt sehen und wenn Menschen so gar nichts Positives sehen können im Leben, dann wird´s irgendwann zäh. Dann verblüht man eher, anstatt dass man aufblüht. Was da ganz gut hilft, sind im Übrigen Ziele. Wir Menschen brauchen Ziele, weil sie uns eine Orientierung geben. Sich Ziele zu setzen im eigenen Leben ist einer der wichtigsten psychologisch strukturierenden Prozesse. Ziele sind tolle Leitplanken, an denen wir uns entlang hangeln können. Man beschäftigt sich plötzlich nicht mehr mit dem vielleicht selbst-bedauernswerten Status Quo, sondern mit der womöglich rosigen Zukunft. Und mit jeder Etappe, die wir erreichen, fühlen wir uns selbstwirksam. Wir fühlen uns bestätigt, dass wir aus eigener Kraft was erreichen können und das motiviert ungemein.

Stichwort „Begeisterung“ – eines Ihrer großen Themen. Sie haben zu dem Thema ja  bereits zwei Bücher veröffentlicht. Kann ich Begeisterung auch mit Hilfe der Positiven Psychologie entwickeln?

Ich würde sagen, Begeisterung ist ein Ergebnis von Positiver Psychologie. Die Positive Psychologie öffnet einen und man nimmt das Leben wieder bewusster wahr. Man wird mutiger, man traut sich mehr. Eva Wlodarek, eine tolle Psychologin und Buchautorin aus Hamburg hat das mal sehr schön zusammengefasst: „Wir können nur dann begeistert sein, wenn wir uns trauen und etwas riskieren. Wenn wir das Leben wagen. Nur wer etwas wagt, ins Risiko geht, hat gute Chancen, begeistert zu werden“. Begeisterung ist nochmal ein anderes großes und wichtiges Thema.

Was sind die drei wichtigsten Punkte auf die es ankommt – die Sie uns allen mitgeben können, damit wir uns ein gelingendes Leben und Arbeiten schaffen?

Erstens: Glücklichsein kann auch im Stillen entstehen. Ich persönlich kann zum Beispiel wunderbar mit mir selber schweigen und empfinde dabei große Momente des Glücks. Also eine Idee wäre vielleicht „Halten Sie sich von den Lauten, von den Dröhnenden, fern“.

Zweitens: Glücklichsein ist ein Kontrasterlebnis. Das Erleben von Unglück ist Voraussetzung für Glücksempfinden. Das Empfinden von Glück funktioniert nur mit Unglück. Wenn wir gesund sind, sagen wir ja nicht „Ich bin so glücklich, weil ich gesund bin“. Erst wenn wir krank werden und danach wieder gesund werden, empfinden wir es als Glück, dass wir wieder gesund sein dürfen.

Und drittens: Pflegen Sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Kümmern Sie sich um Ihre Freunde, Partnerinnen und Partner. Menschen, die einem zuhören und die einem eine helfende Hand reichen, Menschen, die gemeinsam mit einem in tiefer Verbundenheit durch eine schwierige oder auch positive Zeit gehen, sind unersetzlich. Gute Beziehungen sind für viele Glücksfaktor Nummer 1.

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Menschen mit guter Resilienz akzeptieren Dinge, die nicht zu verändern sind. Sie leben nicht in der Vergangenheit und blicken optimistisch in die Zukunft.
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